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24.

Aug

2004

Hartz IV und Olympia - der VfB ist moderner denn je!
Autor: Schulze   
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"Provinzverein" - das war jahrelang zu Recht das Wort, mit dem man den gemeinen VfB Lübeck-Anhänger aus der Reserve zu locken versuchte, was bei speziellen Anhängern der grün-weißen Pracht allerdings eher ein müdes Lächeln auf die verhärmten Lippen zaubern konnte.

 

Wusste man doch, wenn man sich eingehender mit unserem Verein beschäftigte, dass all die Kritiker und Frotzeler fast durch die Bank Recht hatten und man sich selbst auch öfters dabei ertappte, dass einem das eine oder andere Menetekel rund um den VfB doch gehörig auf den Senkel ging. Seien es das unerträgliche Opamusik-Gedudel vor, während und nach dem Spiel, die nicht unbedingt als professionell zu bezeichnende Außendarstellung, das miese Merchandising, die unsäglichen Karten- und Einlassorgien bei ausverkauften Spielen und die damit verbundene doch eher spärliche Bier- und Wurstversorgung, besonders im E- und F-Block, etc. pp.

 

Rundum: ein Provinzverein, der auch mal bessere, aber nicht unbedingt gute Zeiten erlebt hat, sich aber ebenso durch Tradition eine kleine, aber feine Anhängerschar um sich sammeln konnte, die trotzdem hingeht und sich als Belohnung in den letzten 14-15 Jahren diverse verbockte Aufstiegsrunden in der Oberliga und zwei Abstiege aus der zweiten Liga ansehen durfte - die Dankesschreiben an die Vereinsführung sind in der Post...

 

Was aber ist auf einmal los? Plötzlich wird umgeschwenkt und tagesaktuell auf Bewegungen in der Gesellschaft reagiert, sowohl im sportlichen als auch im Management-Sektor. Um die Nähe zum "Volk" zu wahren, wird Hartz IV im Verein nicht nur akzeptiert, nein es wird exemplarisch statuiert! Wir haben letzte Saison vom VfB regelmäßig wöchentliche Leistungen bezogen, und zwar genau ein Jahr lang. Nach einem Jahr aber ist es mit der Höhe der Leistungen nicht mehr so gut bestellt, deshalb wird auf Stufe 2 weitergeleitet, man rutscht einen Absatz tiefer, bekommt zwar noch was vom VfB, nur eben nicht mehr so viel, und muss weiterhin sehen, wie man klarkommt.

 

Wenn das nicht die gelebte Philosophie und damit real existierende Version von Hartz IV ist, was dann? Wer könnte es der Bevölkerung besser vorleben als ein Verein, der sich regelmäßig mehr oder minder erfolgreich im Betreiben des Volkssports Nummer 1 versucht? "Ist alles nicht so schlimm, wie es aussieht! Sie müssen nur das Kleingedruckte richtig lesen und sich nicht von den Medien verrückt machen lassen, dann werden auch Sie irgendwann von der neuen Situation profitieren - vertrauen Sie uns!" Hmm, von wem mag diese Aussage stammen? Bundesregierung oder Geschäftsstelle? SIEHSTE! Um die krakeelende Masse zu besänftigen, wurde übrigens mal nebenbei ein weiterer Titel der Ruhmeshalle hinzugefügt: Bezirkspokalsieger der Herzen 2004. Na, wenn DAS man nicht ein Anlass zur Freude ist, was?

 

Auch ein anderes gesellschaftliches Ereignis hat beim VfB Einzug gehalten und Umsetzung erfahren: Olympia. Oh, vernehme ich da laute "wieso das denn?"-Rufe? Nun, wenn man die ersten Saisonspiele mal in Ruhe Paroli laufen lässt, stellt man fest, dass nirgendwo so wie beim VfB Lübeck v. 1919 der olympische Gedanke gelebt wird! Wir alle wissen sehr gut, wie geil das ist, in der Regionalliga Nord angekommen zu sein, der wohl gebenedeitesten Liga der westlichen Hemisphäre! Welch eine Ehre, fürwahr, fürwahr, deshalb gilt: dabei sein ist alles!

 

Jedenfalls MUSS das die Einstellung sein, mit der zu Werke gegangen wird, andernfalls kämen doch erhebliche Zweifel an der Tauglichkeit und der Konstanz der Mannschaft auf, oder wie kommt ein Torverhältnis von 10:8 nach vier Spielen zustande? Eben, rein sportlich ist das nicht nachvollziehbar, deshalb kann nur der olympische Gedanke als des Rätsels Lösung herhalten - zum Glück ist das Schickimicki in Athen bald vorbei und es kann beim VfB noch vehementer und entschlossener umgebaut und verändert werden, um ein moderner und niveauvoller Verein zu werden wie zum Beispiel, ääh - wie, hmm, na, wie - ach, denkt Euch einen aus! Frei nach dem Motto eines Europameisters: "Modern ist, wer gewinnt!". Na dann...

 

Das Fazit kann also nur lauten: sollte noch einmal irgend ein Popanz versuchen, uns mit dem Wort "Provinzverein" ans Bein zu pinkeln, kann unsere Reaktion eigentlich nur ein gelangweiltes "Na, hast Du etwa einen Job, das Ticket nach Athen, aber trotzdem nicht gepackt? Du und Dein Verein, Ihr seid schon arm dran!" sein.

 

Eine Randnotiz zum Pokal"hit" gegen die neidgelben Dortmunder sei an dieser Stelle erlaubt: die Vorstellung des hochverschuldeten Börsenpakets aus Nordrhein-Westfalen ist durchaus und mit Fug und Recht als "lausig" zu bezeichnen, denn wer eigentlich nur das gegnerische Spiel zerstören will, nachdem er ein fragwürdiges Freistoßtor erzielt hat, verdient eher die Abstufung in die Regionalliga als ein an diesem Tag tatsächlich mal gut aufgelegter VfB Lübeck. Erst Recht, wenn auf dem Platz Leute wie Rosicky, Koller, Ewerthon und Kehl zugange sind, das war echt arm! Meine Prophezeihung ist also doch wahr geworden und wir dürfen uns auch in dieser Spielzeit ebenfalls mit dem Titel VfB Lübeck - der fast in die zweite Runde gekommene und am Viertelfinale gekratzt habende und demzufolge mit allem was Recht ist verdammtnocheinmalige Pokalsieger der Herzen 2005 schmücken, toll nech? Ich weiß allerdings nicht, ob sich das so gut mit Hartz IV und Olympia veträgt, schließlich sind das Nebeneinkünfte, die gemeldet werden müssen und so ein toller Titel ist auch mentales Doping - hoffentlich wird da keiner zur Urinprobe gebeten...

 

In diesem Sinne:

der Platzwart


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