Mittwoch, 19 Mai 2010 00:41

Auferstanden aus Ruinen

Autor: Der Platzwart

 Nicht dass mir einer glaubt, die Alte Riege käme jetzt mit opportunistischer Ostalgie daher. Eher eine durchaus treffende Überschrift wenn man berücksichtigt, unter welchen beklagenswerten Voraussetzungen unsere geliebte Lizenzspielerabteilung des VfB Lübeck v. 1919 die Spielzeit 2009/2010 bestreiten musste.

Ein anderer passender Titel wäre natürlich auch der Dingsda aus der Asche gewesen, aber der Lübecker Gummiadler geht einem VfBer schlecht bis gar nicht über die Lippen oder die Tastatur - na also!

Ein warnendes Wort noch vorab an den neutralen Leser: ab hier die grün-weiße Brille aufsetzen oder lieber was anderes lesen, wenn man nicht unbedingt auf ultimativ-subjektive Lobhudeleien in Form von hoffnungslos verklärten Saisonrückblicken steht.

Los geht's: seinen Verein unter dem scharfen und unbarmherzigen Schwert der Insolvenz dahinsiechen zu sehen, kann man keinem echten Fußballfan wirklich wünschen. Uns hat bekanntermaßen ebendieses Schicksal ereilt und die Saison begann daher unter denkbar schlechten Startvoraussetzungen.

Ein der Alten Riege bekannter lübscher Jung, der in der Hauptstadt bedauerlicherweise (für uns, nicht für ihn) für die Sensationspresse tätig ist, hatte allerdings vollkommen Recht, als er meinte, dass es jetzt langsam mal gut sei mit der Nachbetrachtung von Pleiten, Pech und Pannen rund um die grün-weiße Pracht. Und wie man es dreht und wendet: in dieser Saison ist nichts, aber auch gar nichts schlechtes passiert, auch wenn man es erst dafür gehalten hat!

Einer der ersten zu vernehmenden erstaunlichen Eindrücke war die offensichtlich ungebrochene Zuversicht der grün-weißen Anhängerschar trotz der in der Tat unerhört schwierigen Konditionen. Innerhalb des harten Kerns war in weiten Teilen ob der schlechten Situation so etwas wie Trotz und ein "mir doch egal, in welcher Liga" zu spüren und zu hören. Dies ist ein meiner Meinung nach erheblicher, wenn nicht gar der signifikanteste Faktor für den weiteren Verlauf der Spielzeit: der Leim aus unerschütterter Solidarität und Zweckoptimismus sollte alle Beteiligten untrennbar zusammenhalten.

Startete man noch unter der Prämisse Nichtabstieg, gestaltete sich das Tabellenbild nach der Hälfte der Hinrunde derart positiv, dass aus der ursprünglichen Zuversicht zuweilen gar Euphorie wuchs. Da stand eine Truppe auf dem Platz, die man einfach - und das Wort passt hier nun mal hin - geil finden musste, weil sie sich verhielt wie man es als Fan erhofft: egal wie das Spiel läuft und ausgeht, das Kilometergeld geht in unsere Mannschaftskasse!

Sie haben beileibe nicht immer gut gespielt und dadurch meiner Frau und mir unsere leider viel zu selten möglichen Spielbesuche gehörig verhagelt, indem sie natürlich immer genau dann ordentlich einen auf den Sack bekommen haben, aber das konnte der Sympathie für diese Jungs keinen wirklichen Kratzer beibringen.

Nicht nur die unter den beschriebenen Umständen als sensationell zu bezeichnende Hinrunde in der Liga hat dazu beigetragen. Nachdem man auf eindrucksvolle Weise Mainz 05 aus dem DFB Pokal gekämpft hat und spätestens nach dem hingebungsvoll geführten und nur allzu unglücklich verlorenem Pokalspiel gegen den VfB Stuttgart war klar, dass wir es bei diesen von Peter Schubert und Ingo Popp trainierten Jungs mit etwas ganz besonderem zu tun haben. Die Fans gaben alles für die Mannschaft und diese hat es in barer Münze zurückgezahlt, damit aber auch nicht der Hauch eines Verdachts entsteht, dass es sich irgendwie anders gehören könnte.

Mir fällt beim Schreiben dieser Zeilen immer wieder dieses Bild der Mannschaft nach den Schlusspfiffen ein, wie sie auch nach Niederlagen stellenweise sogar unter Tränen in der Kurve auftauchen und den Kontakt zu ihren - und es waren wirklich ihre - Fans suchen, weil sie diesen Kontakt offenbar brauchen und das nicht nur tun, um sich abfeiern zu lassen. Das Gefühl das einen beschleicht, wenn man solche Szenen sieht, ist kaum in Worte zu fassen. Das sind Jungs, die sich für'n Appel und'n Ei für uns die Seele aus dem Leib rennen, weil sie sich 1000%tig mit der Sache identifizieren. Wie kann man die denn nicht geil finden?

Insolvenz? Vierte Liga? Ach ja, bitte nicht den Alltag vergessen. Einen gewissen Herrn Zeuner werden wir aber ebenfalls nicht allzu schnell aus dem Gedächtnis verlieren. Hat zwar keine Ahnung von Fußball und Didi Hirsch hat er auch rausgeworfen, ist dafür aber mittlerweile zum Peter Zwegat der Lohmühle avanciert. Eigentlich auch legitimiert, denn wie auf einmal die offizielle Meldung: Insolvenz ist beendet! Ein langer Weg mit dramatischen Einsparungen, Sammlungen, eBay Versteigerungen undsoweiterundsofort, der auch unter Zweifeln und Scharmützeln letzten Endes aber in Einheit ALLER gegangen wurde, war geschafft. Dem Verein, den Fans, dem Fankreis, den Sympathisanten, den Organisatoren und nicht zuletzt den von der Insolvenz betroffenen Gläubigern gebührt der innige Dank für das Erreichen dieses Mammutziels, danke!

Und ja, trotz der turbulenten Ereignisse gab es für uns auch das triste Liga-Einerlei, so dass es bezüglich des Nichtabstiegs tatsächlich noch einmal so etwas wie spannend werden sollte. Aber warum darf es nicht auch beim ehrenwerten VfB Lübeck v. 1919 einmal völlig normal zugehen? War ja nicht lange, mit der schauderhaften Vorstellung eines eventuell verpassten Klassenerhalts hatten wir glücklicherweise lediglich ein kurzlebiges Stelldichein.

Dat langt dann aber auch mit gewöhnlichem Regionalliga Nord Fußball. Weiter geht's mit einem Paradebeispiel für allzu offensichtliche, leider dilletantische und aber sowas von auf dem Bauch gelandete Vetternwirtschaft: der Schleswig Holsteinische Fußball Verband und die vermeintliche Landeshauptstadt.

Stellen wir eine normalerweise völlig hypothetische Frage: ändert man die Statuten des Landespokals während des laufenden Wettbewerbs? "Selbstverständlich nicht, sowas machen doch nur Idioten!" werden jetzt mindestens alle geistig höchstens durchschnittlich begabten rufen. Die paar, die noch gehandicapter sind, arbeiten blöderweise für den SHFV und haben keinerlei Probleme damit, genau das Erwähnte zu tun und dem niederklassigen Verein mirnixdirnix das Heimrecht für das Pokalendspiel zu entziehen.

Das wäre schon für sich alleine ein ausgemachter Skandal. Da der somit benachteiligte Verein leider unserer ist, kommen einem doch recht intensiv die Galle und sonst noch was für Brocken hoch. Nicht unerwähnt lassen wir die Tatsache, dass den hierdurch bevorteilten Vogelgripplern diese Nummer doch recht unangenehm war, geändert hat das aber erwartungsgemäß nix. Zusätzlich musste der Verein vernünftige Zuschauerplätze für das geklaute Heimspiel beim Verband einklagen, nachdem man sich mit einer mehr als peinlichen Erläuterung der angeblich dazu geführt habenden Umstände eines Herrn Meyer hat abspeisen lassen müssen.

Kurzum: der Verband hat alles Erdenkliche getan, um dem VfB das Leben so schwer wie möglich zu machen und die justamente aus der 3. Liga abgestiegenen Holzbeine in die erste DFB Pokalrunde einziehen zu lassen. Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass das allseits unbeliebte lokale LügeNblatt sich mit vehementer an kaum zu unterbietender Teilnahmslosigkeit aus dieser Nummer herausgehalten hat? Wie dem auch sei: mit einer entsprechenden Wut im Bauch auf diese Vollhorste, einer Menge guter Stimmung für die Mannschaft, einer mordsmäßigen Choreo des UKL und ca. 1500 Anhängern im Gepäck ging es ins Stahlrohrbaumarktstadion zum Pokalfinale gegen den absoluten Erzfeind.

Wenn man will, ist die Geschichte flott erzählt: 2:0 für unsere Burschen und die Demütigung aller Missgünstigen auf der ganzen Linie - Hammer! Beteiligte Zuschauer ziehen unterdessen Parallelen zu solchen Legenden wie dem Aufstieg in Wilhelmshaven oder dem Halbfinale in Bremen, das will was heißen.

Wie diese Spielzeit 2009/2010 bei noch zwei ausstehenden Begenungen zu Ende gebracht wird spielt eine untergeordnete Rolle, sie ist bereits jetzt ein absolutes Hochlicht im Leben eines VfB-Fans. Nicht nur, weil sie sportlich so außerordentlich erfolgreich ist, wenn man das für eine Viertligasaison so sagen kann - auch das berühmte Drumherum ist alles andere als abträglich für die stolzgeschwellte Brust, auf der das grün-weiße Trikot ruht.

Man hat das Gefühl, dass aus dem einstigen Zerfall etwas großes und gemeinsames erwächst. Unsere Trainer haben anscheinend das richtige Gespür und das goldene Händchen, der Verein benimmt sich endlich mal ein wenig Anhängerorientiert und nicht nur peinlich, das E-Team leistet zuverlässige und hilfreiche Arbeit, der Fankreis, das UKL und der harte Kern der unorganisierten Fans stehen offenbar so dicht beisammen wie lange nicht und vielleicht schafft es unser stadteigenes Schmierblatt ja auch endlich einmal, positiv über den VfB zu berichten.

Der Ausblick in die Zukunft macht Freude und Lust auf mehr: eine homogene und liebenswerte Mannschaft, zwei Derbys gegen die Geldverbrenner aus der Stadt, die heißt wie die Unterseite eines Schiffes, erste Runde DFB Pokal und die klitzeklitzekleine Chance auf einen Aufstieg. Ich bin gespannt, aber sowas von...

Danke für diese spannende, bewegende und inspirierende Saison!

Die Nummer 1 im Land sind WIR, Europapokaaal!

Und nicht vergessen immer vor dem Einschlafen dreimal aufzusagen: Nur der VfB!

 

In diesem Sinne:

der Platzwart

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