Mittwoch, 27 September 2006 14:45

"Das wurde aber auch Zeit!"

Autor: Der Platzwart

 Diesen Spruch darf ich mir demnächst wahrscheinlich häufiger anhören, jedenfalls bezogen auf das Erscheinen dieses "anstoßes". Und es stimmt ja auch. Vielleicht darf ich zu meiner Entschuldigung einen neuen Job, den Umzug in die Weltstadt (jetzt) mit Herz und die damit verbundenen Unwägbarkeiten etc. anführen, damit aber auch genug.

Womit anfangen? Beginnen wir mit dem wahrscheinlich prägendsten Ereignis der letzten Monate: die Fußball-WM im eigenen Land. Dass der glorreiche VfB Lübeck v.1919 eigentlich alle Titel, die mit "der Herzen" abschließen, gepachtet hat, lassen wir ob der duften Vorstellung unserer als vor der WM bezeichneten Rumpeltruppe mal links liegen und sehen in grenzenloser Güte von einer Klage gegen den DFB und einschlägige Medienvertreter ab. Lieber Dritter als Petze und in Anbetracht der famosen Leistung und der im Land entfachten Begeisterung halte ich es da wie mein alter Fahrensmann Hotte Hrubesch und sach nur ein Wort: Vielen Dank!

Nur falls Fragen aufkommen, ich möchte über folgende Sachen nicht schreiben, sie aber kurz erwähnen: Ticketing der FIFA bei der WM 2006 - der Kaiser und sein Helikopter - Maradona als das wahre WM-Maskottchen - alle spielen wie die Deutschen, nur die Deutschen nicht - Fairplay: keine italienische Erfindung - warum außer den Holländern niemand deren Nationalmannschaft leiden kann - Simunic sieht dreimal gelb statt einmal rot - elf Meter und ein Zettel - das Endspiel: eine Kopfsache - Klinsi hat nur Glück gehabt - Anheuser Busch: auf den Boden kippen oder doch gleich am Tresen umstoßen? - Beckmann, Rhéty und Reif: mieser geht's nicht.

Fahren wir also mit dem fort, was uns wirklich schlaflose Nächte bereitet: der Lizenzspielerabteilung des ruhmreichen VfB Lübeck v.1919.
Das letzte, an das ich mich in der abgelaufenen Spielzeit erinnere ist, dass ich an meinem Schreibtisch vor dem Liveticker zusammengebrochen bin, als ich nach der Niederlage gegen die Vogelgrippe das Ergebnis aus Jena mitbekommen habe. So Sachen wie "das kann doch nicht wahr sein" oder "ich fass' es nicht" dürften nach dem Erwachen aus dem Koma sicherlich nicht nur mir über die Lippen gegangen sein. Erneut die big points nicht gemacht, erneut mal wieder nicht aufgestiegen, erneut die Chance verpasst, die eigene Akzeptanz in der wohl schönsten Hansestadt zu steigern. Naja, eine eigentlich gute Saison mal wieder für'n Mors - Schwamm oder Kamm oder 'n Lamm oder sonstwas drüber und den Blick in die Zukunft gerichtet.

Eine Zukunft hat das seinerzeit viel gerühmte Übungsleitergespann Böger/Grote an der Lohmühle im Übrigen nicht in Aussicht. Nach der um die Jahreswende vonstatten gegangenen Vorstandswahl war recht flott klar, dass fürderhin nicht mehr mit dem beliebten Co-Trainer Marco Grote geplant wird. Ich will es mal nicht Proteststurm nennen, aber einige Fans machten doch lautstark ihrem Unmut über diese Personalie Luft. Wie dem auch sei, der Cheftrainer selbst sorgte durch einige (unbedachte?) Äußerungen dafür, dass ihm die Freistellung von seinen Aufgaben im Nachhinein nicht besonders übel aufzustoßen schien. Schon schade, denn Stefan Böger hatte gerade bei den Fans ziemlich großen Kredit, die Umstände um seine Entlassung bleiben unklar und nu isser wech.

Und schon gibt's natürlich auch einen Neuen. Manch ein Beobachter wird sich verwundert sie Augen gerieben haben, als stolz die Verpflichtung von Bernd "dem geb' ich noch einen mit" Hollerbach verkündet wurde. Gerade frisch mit dem VfL 93 in die Verbandsliga oder so aufgestiegen und, oh Wunder, ein alter Kumpan des neuen Wirtschaftsratsvorsitzenden Matthias D. Kampmann. Wahrscheinlich eine Mallorca-Sandwich-Bekanntschaft, was aber auch keine Rolle spielt, es weiß ja außer mir und meinem Chef auch keiner, wie ich an meinen Arbeitsvertrag gekommen bin...

Jetzt ist er für unsere grün-weißen Götter also wahr geworden, der Albtraum eines jeden Fußballspielers: Bernd "seit wann sind 150 Kilo zu schwer für Dich" Hollerbach als Trainer. Unsere Jungs werden in der kommenden Saison wahrscheinlich nicht besser Fußball spielen, das dafür aber umso länger. Meinen letzten Informationen zufolge sind die Ergebnisse des aktuellen Laktattests astrein und bundesligatauglich, leider konnten aber 10 Spieler der Mannschaft aus Erschöpfung gar nicht erst daran teilnehmen, weil sie es nicht vom Mannschaftsbus in das Arztzimmer geschafft haben. War allerdings auch fies, den Bus in Heiligenhafen zu parken, wo die Arztpraxis doch in der Nähe vom Holstentor ist, und die Spieler mit den Worten "Der letzte muss den Bus zurückholen - zu Fuß!" auf die Reise zu schicken. Wir werden sehen, auf jeden Fall gilt: Herzlich Willkommen und viel Erfolg in Lübeck, Bernd "Rolltreppen sind was für Schwächlinge" Hollerbach!

Womit wir auch schon beim nächsten Thema wären, mit dem wir uns hier in Lübeck nicht so besonders gut auskennen: Erfolg. Dauerhaft in der Tabelle vor dem Verein aus der hässlichen Stadt zu landen, kann man nicht wirklich als Erfolg bezeichnen. "Pokalsieger der Herzen" ist auch nicht gerade ein zählbares Attribut, zumal man ja nicht mal im Endspiel gestanden hat. Es ist klar, worauf ich hinaus will: wir müssen endlich wieder aufsteigen! In den letzten zwei Spielzeiten sind wir jedesmal haarscharf an einem Aufstiegsplatz vorbeigesemmelt, jetzt soll alles anders werden. Nur wie? Die Mitkonkurrenten lesen sich teilweise wie das deutsche who-is-who der letzten Jahrzehnte: FC St. Pauli, Fortuna Düsseldorf, VfL Osnabrück, Union Berlin, FC Magdeburg, Dynamo Dresden.

Und nicht auf alle Gäste freut man sich besonders dolle. Die Kloppertruppe aus Dresden (und damit ist nicht die Mannschaft gemeint) hat eine ganze Menge unterschiedliche Gefühle der Angst in mir freigesetzt. Wobei hingegen die Mädels vom Kiez immer gerne bei uns gesehen sind, da sie regelmäßig ihre Punkte bei uns lassen. Die Rostigen werden auch verlieren, machen dafür aber wieder unseren Zaun kaputt, weil sie das am besten können und mit den lila-weißen Bedauernswerten könnte man ja mittlerweile fast Freundschaft schließen.

Einige neue und altbewährte Spieler sollen es richten. Seit dem merkwürdigen Abgang von Porno-Joe lamentiere und krakeele ich herum, dass wir einen Spielmacher brauchen. Einen Anführer, eine echte 10. Und wen haben wir gekriegt? Markus Kullig und Christian Möckel. Na klasse. Aber jetzt ist da einer verpflichtet worden, der das Zeug dazu hat, uns endlich auch mal wieder konstanter werden zu lassen: Thomas Ollhoff. Bernd "lieber zweimal laufen als einmal fahren" Hollerbach bezeichnete ihn als seinen absoluten Wunschkandidaten - hoffen wir mal, dass er Fußball im Sinn hatte, als er das sagte. Darüber hinaus gehen wir mit einem Kai Hesse in die Saison, der zuletzt immer herausragender gespielt hat und für mich einer der Kandidaten für die Torjägerkanone ist. Nicht zu vergessen: ER bleibt. ER wird uns mit seinen obligatorischen gelben Karten und gesenktem rasierten Haupt ein weiteres Jahr beglücken. Hervorragend! Dankt IHM!

Ein Thema, mit dem wir uns glücklicherweise nicht rumschlagen müssen: Stadionneubau. Die Vollpfosten aus der Interims-Landeshauptstadt sind immer noch der Meinung, dass der Neubau nicht auf Kosten der Steuerzahler ginge, sondern alles locker über Sponsorenkohle und den zinslosen Kredit der Landesregierung finanziert wird. Ja klar, Nullchecker halt. Das Gute daran ist aber, dass das Spielergebnis dort nicht mehr zweitrangig wird, da man nicht mehr wie Hölle aufpassen muss, dass einem der Stehplatz unterm Arsch wechbröckelt.
Die Nuttenpreller kriegen ja auch ein Stadion, in diesem Fall ein Geschenk von der Stadt. Wegen Olympiabewerbung, munkelt man. Schön und gut, das Millerntor ist definitiv nicht mehr zeitgemäß, aber die Sache hat dann doch ein paar Haken. Zum einen ist das Ding voraussichtlich frühestens 2014 oder so fertig, zum anderen gibt der Verein wieder ein Stück seiner Seele her, die so viel beschworen wird. Der FC St. Pauli hat sich also spätestens jetzt zum unkommerziellsten Kommerz-Verein der Republik gemausert, Herzlichen Glückwunsch! Wer sabbelte noch andauernd von Tradition und Identifikation? Ach, auch egal...

Was gibt es sonst noch? Vielleicht ein paar Fakten. Die neuen Trikots sehen schick Retro aus, die neue Dauerkarte sieht einfach nur beschissen aus und ist von minderwertiger Qualität und Moni Lierhaus sieht hübsch aus. Warum Moni Lierhaus? Nun, es wurde festgestellt, dass die gute einen VfB-Schal bei sich im Büro hängen hat - DAS sieht vielleicht schick aus, mannomann... Blöd ist nur, dass sie sich den unsäglichen "Pokalsieger der Herzen"-Schal ausgesucht hat. Dazu gibt es folgende zwei Theorien meinerseits: entweder ist sie ein echter Sympathisant unseres weltoffenen Vereins, oder sie findet den aufgedruckten Slogan ähnlich peinlich und unangebracht wie jeder vernünftige Mensch. Beide Punkte fände ich überzeugend, daher steigt sie paar weitere Sprossen in meiner Achtungsleiter nach oben.

Übrigens wurde es geschafft, nach gefühlten 5 Dekaden endlich mal einen echten Tour-, äh, Mannschaftsbus zu organisieren und die Kategorie C-Kutsche von Berg abzulösen. Es handelt sich dabei um den ehemaligen Bus vom HIV, bekannterweise ein Ex-Verein von unserem neuen Trainer Bernd "wie, Du hast schon genug" Hollerbach. Bezeichnenderweise machte der Motor dieses Gefährts bei der Überführung zum Lackierer schlapp - ob der Bus sich wohl ein paar Einheiten mit Bernd "ein Rempler hat noch keinem geschadet" Hollerbach geleistet hat? Wir wissen es nicht und wünschen uns, dass das neue Prunkstück im Fuhrpark unsere grün-weißen Götter komfortabel zu den Auswärtsspielen kutschiert.

Zur allgemeinen Verärgerung trägt die Kunde bei, dass in der nächsten Spielzeit auf der altehrwürdigen Lohmühle vor den Partien den Zuschauern regelmäßig ein, nennen wir es mal "Rahmenprogramm" geboten werden soll. So mit DJ und "witzigem" Moderator und so'n Kram. Also, Sportsfreunde: das ist per se schon mal ein totaler Griff ins Klo! Wenn dann noch bekannt gegeben wird, dass es sich um bewährte Recken von NDR1-Welle Nord dreht, ist der kollektive Brechreiz komplett und die eigentlich gut gemeinte Aktion degradiert uns einen weiteren Schritt in Richtung austauschbarer Hanswurst-Verein - nur weiter so...

Passend dazu kann ich zu guter Letzt darüber berichten, dass es ab sofort DEN VfB-Song von Fans für Fans gibt! Das gebenedeite Lohmühlen Echo hat Monate des Komponierens und Textens voller Entbehrungen hinter sich gebracht und präsentiert auf seiner Heimseite das prachtvolle Werk Nur der VfB! pünktlich zu Saisonbeginn als Runterlad. Also bitte auch machen und ordentlich kopieren und verbreiten, denn es handelt sich um kein kommerzielles Projekt, einfach nur mal wieder was vernünftiges auf die geschundenen Lohmühlen-Ohren. Da sich über Musikgeschmack bekanntlich nicht streiten lässt, darf das Stück auch einigen nicht gefallen, aber die getane Arbeit und das investierte Herzblut in die Sache verdient allerhöchste Anerkennung! Jungs, vielen Dank und viel Erfolg - Chapeau und Prospekt!

Also, liebe Sympathisanten und Antichristen, freuen wir uns auf eine spannende und letzten Endes hoffentlich erfolgreiche Saison für den glamourösen "VfB Lübeck v.1919". Und damit das auch klappt, rufen wir ihnen wie auch im letzten Jahr fröhlich aber bestimmt zu:

WIR WOLLEN AUFSTEIGEN!

In diesem Sinne:

der Platzwart

Gib deinen Senf dazu!

Und wehe: keine Pöbeleien unter der Gürtellinie und keine politisch extremen Äußerungen hier!

100 Jahre VfB

Frischer Senf

Beliebteste Beiträge