Mittwoch, 29 Juni 2005 14:13

Emerson, Lake & Palmer

Autor: Der Platzwart

 gibt's nicht beim Fußball. Genau so wenig wie "hätte, wenn und aber" oder "Bachmann-Turner-Overdrive".

Insider (das sind nicht viele) werden dieses Wortspiel verstehen. Grundsätzlich ist damit aber gesagt, wie es beim Fußball zugeht: es ist kein Wunschkonzert - da beißt die Maus keinen Faden ab.

Hätte man in Pauli nicht unnötig den Ausgleich kassiert - wenn man zu Hause gegen Düsseldorf den Sack zumacht, aber Bielefelds Lattenkracher in der 89. muss doch eigentlich drin sein. Siehste? Gibt's eben NICHT und deshalb sei ein wenig Traurigkeit gestattet, den Aufstieg dann letztendlich sooo knapp verpasst zu haben.

Was war das nur für eine Saison? Der (ich komme auch dieses Mal wieder nicht umhin, dies zu betonen) durchaus vermeidbare Abstieg aus der 2. Liga war gerade so verdaut und teilentrahmt, da tauchten immer wieder neue Hiobsbotschaften am Horizont der Hoffnung auf. Kurz gesagt: die Ratten verließen das sinkende Schiff und der gemeine Fan wurde aufs Neue mit seinen Sorgen von denen allein gelassen, auf die er doch so gesetzt hatte. Nun gut, die Söldner bissen also mal wieder die Hand, die sie fütterte und es war ihnen sogar egal - wie immer, eigentlich.

Wie dem auch sei, wir hatten keine Mannschaft, geschweige denn einen Trainer, und man hatte die Gewissheit, mit an tödlicher Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit in der folgenden Regionalliga-Saison nix, aber auch gar nix mit dem sofortigen Wiederaufstieg zu tun zu haben.

Ging auch dementsprechend los: Auswärts in Bremen das Auftaktspiel vergeigt und in der blaugelben Niederung gegen einen vermeintlichen Mitkonkurrenten eine überaus derbe und zutiefst demütigende 2:6-Schlappe kassiert. Konnte also nichts mehr schiefgehen nach oben, da fällt die Konzentration auf den Nichtabstieg entsprechend leicht. Sollte man meinen.

Dann aber griff unser neuer Trainer Böger in die Trickkiste und zeigte, dass er ein guter Übungsleiter ist. Es wurden kurz nach Saisonbeginn zwei Spieler verpflichtet, die unserem Spiel und unserer Rolle in der Liga eine neue Bedeutung zukommen lassen sollten: Rouven Schröder und Tobias Schweinsteiger. Ab diesem Zeitpunkt passierte etwas Wunderbares: Hoffnung keimte auf. Menschen, die sich mit sowas auskennen, wissen, dass DAS das wahre Lebenselixier eines Fußballfans ist! Hoffnung, doch gegen finanziell deutlich stärkere Vereine gegenhalten zu können, weil man eine Mannschaft hat und nicht nur zusammengekaufte Stars und Söldner wie in Hoyzerborn oder einem der beiden Expo-Parkplätze (Sektion Löwen).

Und sie spielten sich in die Herzen der Anhänger. Auf ewig unvergessen wird das 1:0 von Tobi gegen die Nordpreetzer bleiben! Direkt nach seiner Einwechslung, seine ersten Schritte für den glorreichen VfB Lübeck v.1919, was für Emotionen! Rouven Schröder, gekommen, um die Devensive zu stabilisieren, bildete mit Timo Neumann ein Team de Luxe und stellte etwas dar, das wir schon lange nicht mehr auf der ehrwürdigen Lohmühle in den eigenen Reihen bestaunen durften: einen Abwehrspieler. Dass wir DAS noch erleben durften...

Natürlich war diese Truppe noch unerfahren und nicht eingespielt und machte viele vermeidbare Fehler - aber man hatte sie gern, weil sie kämpfte und weil sie nie aufgab. Diese Verschworenheit machte sich bezahlt, es brachen erfolgreiche Zeiten für uns an, die auch durch kleine Rückschläge wie z.B. auf dem anderen Expo-Parkplatz (Sektion Wölfe), kaum getrübt werden konnten. Bis zum letzten Spieltag war diese Mannschaft, die noch vor Monaten eigentlich gar keine war, am Gerangel um den Aufstieg beteiligt, teilweise gar als Spitzenreiter. Das war vor der Saison nicht nur undenkbar, man wäre für diese These im Holstentor auf der Streckbank gelandet - mit was? Mit Recht!

Und es war so knapp! Verdammt! Wieso fangen wir uns auf Pauli klar besser und völlig zurecht führend den Ausgleich? Wieso geht der Schuss von Bielefeld in der 89. Minute an die Latte und nicht ins Tor? Warum haben unsere Jungs auf einmal bei einem Heimspiel die Hosen voll und verdaddeln gegen Düsseldorf? Wahrscheinlich wegen des peinlichen Auftritts des NDR. Damit kommen wir auf die Einleitung zurück und stellen fest: "Emerson, Lake & Palmer - hätte, wenn und aber - Bachmann-Turner-Overdrive" - GIBT'S NICHT beim Fußball!

Wer diese tolle Spielzeit mal wieder überhaupt nicht gebührend gewürdigt hat, ist die örtliche Lokalpresse. Anstatt sich auch mal den ein oder anderen Ergänzungsspieler zu engagieren, um frischen Wind und Lokalpatriotismus in das Blatt und damit unter die Leute zu bringen, wird auf die ewig gleichen alten Klepper und Scheuklappenträger gesetzt. Diese betreiben dann einen ach so seriösen Journalismus, der jegliche Euphorie im Keim erstickt, beschweren sich dann aber darüber, dass in Lübeck keiner zum VfB geht und steht. Passt nicht zusammen, oder? Die Kollegen der NOZ aus Oskardrück haben das deutlich stilvoller und sympathischer für "ihren" VfL hinbekommen: ganzseitig in Vereinsfarben wird für die tolle Saison gedankt - SO, und NUR SO wird das gemacht, liebe LN! Deshalb fordere ich, auch mal andere über die grün-weiße Pracht berichten zu lassen, als sich andauernd das Genörgle und miesepetrige Getue unseres Generalanzeigers antun zu müssen. Übrigens: ICH hätte da noch Kapazitäten frei...

Fazit: es war mehr drin, klar. Allerdings nach oben UND nach unten, eigentlich aber eher nach unten. Daher stellt das, was die Truppe mit all den vor der Saison deprimierten und desillusionierten Anhängern angestellt hat, nämlich, sie aus dem Tal der Tränen zu führen und zu hoffenden und enthusiastischen Fans zu machen, eine sensationelle Leistung dar!
DAS war Fußball, wie er sich gehört: jubeln, lachen, weinen, seufzen, bibbern, schreien, leiden, ungerecht behandelt werden, hämisch sein, besserwissen, zweifeln und verzweifeln, stöhnen, rechnen, mutmaßen, schmunzeln, tanzen, springen, auswärts fahren, schwitzen, diskutieren, trinken. Prost!

Vielen Dank für eine geile und spannende Saison! Aufstieg 2006!

In diesem Sinne:

der Platzwart

Gib deinen Senf dazu!

Und wehe: keine Pöbeleien unter der Gürtellinie und keine politisch extremen Äußerungen hier!

100 Jahre VfB

Frischer Senf

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