Donnerstag, 04 Dezember 2008 23:57

Fußballfans sind Verbrecher

Autor: Der Platzwart

 Oder doch nicht? Oder etwa die Polizei? Oder vielleicht die Medien? Oder gar alle anderen? Der Versuch einer Annäherung.

Niemand weiß so recht, wie die aktuelle Situation entstanden ist. Man steht wie üblich da und fragt sich, wie es mal wieder so weit kommen konnte. Dabei ist dieser Konflikt nicht neu, er schwelt bereits seit langem und das tut er nicht nur beim glorreichen VfB Lübeck v. 1919.

Alle Beteiligten gehen momentan den Weg des geringsten Widerstandes und suchen einen Schuldigen, den sie auch schnell auszumachen vermögen: die anderen. Siehste, total einfach - die sind doof und wir sind es nicht. Ganz klare Sache und damit auch einfach zu bewältigen, wenn der andere nur mal ein bisschen Selbstreflexion oder Fingerspitzengefühl oder sonst was zeigen würde. Mit mir, meiner Einstellung und meinem Verhalten ist alles in Ordnung, ich habe also meine Hausaufgaben gemacht - die anderen haben also gefälligst zuzusehen, dass sie vernünftig werden.

So weit die Ausgangslage, völlig eindeutig und gerade deshalb so unheimlich verzwickt. Wo soll man nun anfangen? Wir versuchen mal den Ansatz, die unterschiedlichen Blickwinkel zu beleuchten, um bei aller Differenz zwischen den Parteien gegebenenfalls auch Gemeinsamkeiten zu finden.

Fußballfans

haben an Spieltagen grundsätzlich nicht besonders viel im Kopf: gemeinsam Spaß haben und die eigene Mannschaft anfeuern. Als Hilfsmittel werden dazu außerordentlich gerne diverse Gerstenkaltschalen in Verbindung mit einheitlich intonierten Schlachtgesängen konsultiert. Auswärtsfahrten bündeln diese Aktionen auf das Wesentlichste, da dies durch ein Zugabteil oder einen Reisebus räumlich doch eher beschränkt ist.

Polizisten

haben an Spieltagen grundsätzlich nicht besonders viel im Kopf: gemeinsam, wenn schon nicht für Ruhe, dann doch wenigstens für Ordnung sorgen. Keinem Zuschauer soll etwas passieren und alle personellen Aktivitäten werden in den vorgegebenen Bahnen gelenkt, damit so ein Fußballspiel und das drumherum reibungslos über die Bühne geht.

Medienvertreter

haben an Spieltagen grundsätzlich nicht besonders viel im Kopf: gemeinsam auf nennenswerte Ereignisse auf und neben dem Spielfeld warten und diese dann über die zur Verfügung stehenden Kanäle verbreiten. Alle, die nicht im und um das Stadion sein können, sollen ansprechend und umfassend und vor allem unterhaltsam mit Informationen versorgt werden.

Alle anderen

haben nicht nur an Spieltagen grundsätzlich nicht besonders viel mit Fußball am Hut. Das macht besonders diese, nennen wir sie mal Zielgruppe, sehr gefährlich, denn witzigerweise scheint sich trotz fehlendem Interesse in unserem Land wirklich jeder mit Fußball und seinen Begehrlichkeiten auszukennen. Blöderweise muss dazu auch jeder ungefragt seine Meinung kundtun. Wie gesagt, sehr gefährlich. Vor allem aber eher lästig.

Naja, nun haben wir bereits ein wenig bewertet, aber für die grundsätzliche Herangehensweise sollten diese Ausführungen stimmig sein. Nun ist es so, dass sich diese vier Parteien gegenseitig alles andere als homogen und harmonisch wahrnehmen. Woran mag das liegen? Ich bin der Meinung, dass es an unterschiedlichen Erwartungen und dem grundsätzlichen Bedürfnis von "Recht haben" liegt. Und vor allem - und das scheint die Schlüsselstelle zu sein - bewegen sich alle Beteiligten in einer durch Scheuklappen orientierten Einbahnstraße.

Fußballfans

gehen grundsätzlich davon aus, dass sie als friedfertige und lautstarke Stimmungsmacher wahrgenommen werden.

Polizisten

gehen grundsätzlich davon aus, dass sie als besonnene und verantwortungsvolle Ordnungshüter zum Wohle aller handeln.

Medienvertreter

gehen grundsätzlich davon aus, dass sie als unabhängige und unparteiische Berichterstatter Tatsachen dokumentieren.

Alle anderen

gehen grundsätzlich davon aus, dass alle anderen so handeln, wie sie selbst es für richtig halten.

Wir kommen zu dem Punkt, an dem es kompliziert wird: unerfüllte Erwartungen und missverstanden werden. Ein besonderes Augenmerk sollten wir an dieser Stelle auch auf Interpretationen von Handlungsweisen richten, da es hier immer wieder zu Komplikationen kommt, die vermeidbar sind. Klingt trivial, aber tatsächlich nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird - schon mal gar nicht beim Fußball. Erschwerend kommt meines Erachtens hinzu, dass jeder von der anderen Partei Dinge fordert, die einem selbst durchaus gut zu Gesicht stehen würden.

Fußballfans

fordern beispielsweise mehr Einfühlungsvermögen durch die Exekutive. Prima Forderung! Kann sich ein Auswärtsfahrer aber vielleicht auch vorstellen, dass eine Horde betrunkener Pöbelheinis im Regionalexpress auf eine Oma, die übers Wochenende ihre Enkel besucht, einen eher abschreckenden bis abstoßenden Eindruck macht? Oder dass sich Kinder gegebenenfalls vor einer solchen Gruppe fürchten könnten? Oder dass ich durch Alkoholeinfluss und durch Gruppendynamik bedingt einen etwas anderen Eindruck auf meine Umwelt mache als am Montag im Büro?

Polizisten

fordern beispielsweise ein vernünftiges und erwachsenes Verhalten durch die Fans. Prima Forderung! Kann sich ein Polizist aber vielleicht auch vorstellen, dass der Anlass für einen Auswärtsfahrer aber sowas von exakt das Gegenteil ist, warum er diese Reise antritt? Oder dass diese Leute gar nicht unemotional oder rational drauf sein können, wenn sie ihre Mannschaft unterstützen wollen? Oder dass diese Horde aus Menschen und nicht aus geistig minderbemitteltem Gewürm besteht?

Medienvertreter

fordern interessanterweise meist dasselbe wie die Polizisten. Da fordern aber per Definition gar nicht ihre Aufgabe ist, frage ich: kann sich ein Medienvertreter eigentlich auch vorstellen, dass irgend jemand das liest oder hört oder sieht, was dieser da so produziert? Oder dass Leute mit etwas beschränkterem Horizont diese Äußerungen ohne zu hinterfragen als Meinungsbildend ansehen? Oder dass man eigentlich davon ausgeht, dass man durch die Medien seriös informiert wird und man dort nicht angelogen wird?

Alle anderen

fordern beispielsweise drakonische Strafen für alle Übeltäter, Chaoten und Unverbesserlichen. Prima Forderung! Kann sich jemand, der von der ganzen Sache eigentlich kaum eine Ahnung hat, aber vielleicht auch vorstellen, dass solche Pauschalaussagen den Blick auf den Kern der Sache verschleiern? Oder dass zu einer Eskalation meistens auch zwei gehören und dass im Leben niemals nur einer allein Schuld an irgendwas ist?

Nun ist es natürlich so, dass jede Partei bei allen Vorurteilen, die sie pflegt, auch ein wenig Recht hat. Andererseits ist es aber auch so, dass jede Partei in ihren Reihen schwarze Schafe besitzt. Und diese schwarzen Schafe sind ein erheblicher Faktor für ein schiefgehen des allgemeinen Friedens.

Es wird besonders bei Auswärtsfahrten gerne mal auf offensichtliche Maßnahmen der Polizei nicht oder falsch reagiert. Vielleicht um die grünen Jungs zu ärgern oder weil das eben lustig ist, wenn man 2 Promille in der Blutbahn hat. Die Ordnungshüter wenden teilweise berechtigt entsprechende Maßnahmen an, was üblicherweise zu Unmut und kurzerhand zu hanebüchenen Verschwörungstheorien auf Seiten der Fans führt.

Ebenfalls beliebt bei Auswärtsfahrten sind überzogene Repressalien, die einige Reisegruppen über sich ergehen lassen müssen. Es kann sein, dass der eine oder andere Beamte dadurch Rückschläge des eigenen Alltags zu kompensieren versucht, oder ein übersteigertes Machtgefühl der Grund hierfür ist, wer weiß?

Wenn es um Ultras geht, gibt es in der Regel nur zwei Standpunkte: entweder sind das gottvergessene, randalierende und marodierende Chaoten, die den Fußball als Alibi benutzen, oder es sind liebens- und bedauernswerte, durch die Gesellschaft und Polizei gegängelte, harmlose Fußballanhänger. Beide Standpunkte sind falsch.

Einen Königsweg für eine Lösung des Konflikts gibt es sicherlich nicht, aber solange keine Partei bereit ist, sich der anderen zu öffnen, wird sich die Front weiter verhärten. Den Medien wird hier eine besonders verantwortungsvolle Aufgabe zuteil: neutral zu berichten, ohne zu bewerten. Alle anderen bekommen hierdurch vielleicht ein besseres Bild von der Situation, denn man darf nicht vergessen, dass diese Gruppe deutlich größer ist als die, über die andauernd negativ berichtet wird.

Fußballfans sollten sich von A.C.A.B. oder der Pauschalaussage distanzieren, dass man keinen einzigen Polizisten gebrauchen kann. Problematisch ist, dass diese Aussagen bei einigen mittlerweile zu einer Grundeinstellung geworden sind und der Anblick eines Uniformierten beinahe Pawlowsche Reflexe auslöst. Polizisten sollten dazu aufgefordert werden, sich vor einer anstehenden Auswärtsfahrt mit entsprechenden Leuten aus der Szene zu unterhalten, um Szenarien und Situationen im Vorwege gegenseitig abzustimmen.

Diese Ausführungen können lediglich ein Anriss aller Faktoren sein und sind wie oben erwähnt nur der Versuch einer Annäherung an das Thema. Nicht berücksichtigt sind beispielsweise solche Dinge wie die unterschiedlichen Ligazugehörigkeiten und deren Begleitumstände oder das unsägliche Gehampel des DFB und der Vereine zu diesem Thema oder die fragwürdige Vorgehensweise des SAP-Chefs ob seines kleinen Selbstbewusstseins und Unkenntnis der Materie etc. pp.

Was uns hoffentlich alle eint, ist der Wunsch nach Weltfrieden. Und wenn das schon nix wird, dann gibt es natürlich nur ein Motto:

NUR DER VfB!

In diesem Sinne:

der Platzwart

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