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Mittwoch, 09 November 2005 13:25

Heute ist morgen schon gestern

Autor: Der Platzwart

 Diese Banalität stammt von einem sehr schlauen und von mir überaus geschätzten Menschen und sie zeigt eines ganz deutlich: banale Sachen sind nicht obligatorisch schlecht oder gar dummes Zeugs. Manchmal sind sie in ihrer abstrahierten Art und Weise einfach nur wahr.

Die neue Rechtschreibreform beispielsweise wäre so ein Negativbeispiel. Die ist so banal, dass es fast schon wehtut, leider aber nicht banal genug, um sie zu vernachlässigen und damit leider auch in irgend einer Form wahr - jedenfalls wahrhaftig. Womit wir auch schon beim eigentlichen Thema wären: Fußball. Banal und wahrhaftig.

Es soll ja Leute geben, die, wendet sich das Gespräch Richtung Fußball, von einem banalen, gar trivialen Akt von und für ahnungslose und bedauernswerte Alltagsversager sprechen. Das ist natürlich nicht gänzlich falsch, würde man sich in die kümmerliche Welt dieser bemitleidenswerten Kreaturen versetzen, die so etwas sagen. Vergessen sie dabei doch komplett, welch philosophische Bedeutung dem "zum Fussi gehen" anheim fällt. Wo sonst findet man die menschlichen Bedürfnisse, Fehltritte und Glanzleistungen aufs emotionalste gebündelt wieder? Und das auch noch auf einem geradezu banalen Weg: bei einem Spiel! Jeder, der dieses großartige Spiel als "Spinnkram" oder "vertane Zeit" abtut, entzieht sich selbst seiner psychologischen Fähigkeiten, indem er sich einer Welt verschließt, die alles, was das Leben zu bieten hat, in komprimierter und eingegrenzter Form darstellt. Warum spielt man denn etwa Schach? Weil die Figuren so schick sind, oder man vom Karomuster des Bretts so fasziniert ist? Nein, weil es ein Spiel ist, das man gewinnen will, ja muss, um nicht als Volltrottel dazustehen. Weil es Krieg ist, voller Emotionen, Schweiß, Angst und Adrenalin-Samba, nur eben begrenzt auf ein Brettchen mit ein paar Steinen und 8x8 Feldern.

Ein Anatoli Karpov oder ein Garri Kasparov werden verstehen, was ich meine. Es geht hier um mehr als persönliche Eitelkeiten. Es geht um Identität, Selbstwertgefühl und Lebensfreude. Um Boshaftigkeit, Gutmütigkeit und Anerkennung. Um alles, was einen Menschen ausmachen kann, in allen Lebenslagen. Nur, dass man dafür nicht ein ganzes Leben lang braucht, sondern im Idealfall gerade mal 90 Minuten plus eventuelle Verlängerung und Elfmeter-Schießen. Der Rahmen dieses "Mini-Lebens" ist klar abgesteckt: hat drumherum eine weiße Linie und passt gerade mal so in ein Fußballstadion rein. Da frage ich die Naserümpfer: ist das nicht toll? Da rennen 20 Leute (die Torhüter ja nun nicht so viel) auf einem Stück Rasen herum und spielen moderne Gladiatoren. Das Beste daran ist: die machen das NUR FÜR MICH! Ja, da muss man doch begeistert sein! Und nicht nur ich bin begeistert, nein, auch alle anderen um mich herum sind begeistert, denn denen geht es genauso wie mir. Kollektive Begeisterung allenthalben, und wenn das Führungstor für uns fällt, ja, das ist dann, wie soll man sagen, also, meine Herren, könnten Sie sich vorstellen, eine Frau zu beglücken, aber ungefähr zehntausend Frauen deswegen gleichzeitig zum Höhepunkt zu bringen? Nein? Siehste: ein unbeschreibliches Gefühl, ehrlich!

Tja, so banal scheint "zum Fussi gehen" also gar nicht zu sein. Ich habe mal jemanden sagen hören "Fußball, dat is wie Sex - nur geiler!". Ich lass' das mal unkommentiert so stehen. Diese Aussage wurde meinen Informationen nach auch unter nicht geringer Einwirkung diverser, sagen wir mal, Betäubungsmittel getätigt. Angeblich spricht man in solchen Momenten ja ausschließlich die Wahrheit und schwupps, da sind wir schon bei der bereits angesprochenen Wahrhaftigkeit.

Ein paar Wahrheiten beim Fußball gefällig? Bittesehr: "Ein Spiel dauert 90 Minuten. Abseits ist, wenn dat lange Aaschloch den Ball zo spät abspielt. Nach dem Spiel ist vor dem Spiel.". Das sollte fürs erste reichen, oder braucht hier jemand NOCH MEHR Wahrhaftigkeit?!? Nu habbich allerdings bei manchen Spielen schon mal so Sachen gehört wie: "Jetzt pfeift der schon wieder gegen uns, das kann doch wohl nicht WAHR sein!". Doch mein Lieber, isses. Denn nichts ist wahrhaftiger als der Pfiff des Schiedsrichters im falschen Augenblick. Auf einmal befallen einen im Zeitraum einer Bimetallsekunde Gefühle, wo schwer zu beschreiben sind. Ich habe Familienväter mit beinahe platzenden Halsschlagadern wie wild durch den Block laufen sehen, nur, weil der Linienrichter andauernd seine neue Fahne seinem Kumpel gegenüber zeigen muss. Kann das denn angehen? Und wie das angeht.

Es gibt da noch so einen bemerkenswerten Satz, der die Situation unfassbar treffend projiziert: "Wichtich is aufm Platz.". Also, seltenst bekommt man eine so schnörkellose Formel, die alles - wirklich alles - auf den berühmten Punkt bringt. Denn dort, auf dem Platz, dort wird mein "Mini-Leben" gestaltet. Dort wird über mein 90-minütiges Schicksal entschieden. Und weil ich da bin, weil ich dabei bin, weil ich ein Teil dieses "Mini-Lebens" bin, deshalb reißt es mich mit. Deshalb feuere ich mich und die anderen an. Es muss doch gut werden, dieses Leben, es muss doch gut enden! Also muss ich doch etwas dafür tun. Alle müssen doch etwas dafür tun! Wir wollen doch alle nach unserem Leben zurückblicken und sagen können: mann, das war echt klasse - das hab' ich richtig gut gemacht!

Spätestens jetzt werden natürlich die Stimmen laut, die meinen, das wäre alles total abgehoben, übersteigerte Wahrnehmung und sowieso völlig verquaster Blödsinn. Und selbstverständlich gibt es unter den "zum Fussi Gehern" auch solche und welche. Die Statistikfreaks, die Allesfahrer, die "ich geh' da sowieso immer hin"er, die Pessimisten und Nörgler und wen nicht sonst noch. Aber mal ganz ehrlich: das Führungstor, auswärts im Pokalhalbfinale gegen einen scheinbar übermächtigen Gegner, in sternenklarer Nacht, gemeinsam mit zehntausend anderen, unter Flutlicht. Freunde, wer DAS noch nicht erlebt hat, der kann mal ganz gepflegt weiter auf irgendwelchen Vernissagen rumstolpern und von sich selbst behaupten, er wäre ja vernünftig und mache solchen Popanz nicht mit. Aber wer nicht lebt, sondern vom Leben träumt, der braucht mir nicht zu erzählen, ICH wäre der Volldepp!

Und damit wir uns richtig verstehen: ich hasse Leute, die mich ansprechen und mir erzählen, sie würden sich für Fußball "interessieren"! Sie würden ja regelmäßig Tschämmpienslihk im Fernsehen gucken und der Messi wär' ja auch ganz prima. Sie würden ja das Spiel an sich ganz toll finden und der bessere soll gewinnen und so, aber ins Stadion gehen, naja, es zieht da schon ein wenig und der Weg zur Toilette ist da so weit. SCHNAUZE! Das was Ihr meint, ist kein Fußball, das sieht höchstens so aus! Wichtigtuerei gehört zum Leben und somit auch zum Fußball, aber dann bitte von Leuten, die dabei sind, und nicht von Leuten, die dabei zugucken. Das gilt selbstredend auch für andere Bereiche der Zwischenmenschlichkeiten. Oder erzählt einer andauernd, dass er sich für Pornos interessiert, aber eine echte Frau, nee, das wäre ihm dann doch zu anstrengend? Na also, klingt genauso unglaubwürdig.

Ja, das ist Fußball: banal und wahrhaftig und damit Teil unseres Lebens. Das wird und muss nicht jeder so sehen, aber zum Verständnis sollte es beitragen. Für diese Erkenntnis braucht es unter anderem viel Zeit und vor allem verständnisvolle Lebenspartner, DANKE! Interessanterweise könnte ich auf Schlach aberdutzende von Leuten nennen, die diesen Text unterschreiben würden: wir sehen uns auf der Mühle!

Nu isses aber auch gut und weil "zum Fussi Geher" nun manchmal doch etwas Realismus NEBEN dem Fußball benötigen und natürlich vor dem schnöden Mammon ebenfalls nicht gefeit sind, gilt auch dieses Mal wie immer in dieser Saison die Parole:

WIR WOLLEN AUFSTEIGEN!

In diesem Sinne:

der Platzwart

Gib deinen Senf dazu!

Und wehe: keine Pöbeleien unter der Gürtellinie und keine politisch extremen Äußerungen hier!

 

Nazis raus

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