Sonntag, 01 Juni 2008 23:28

Molle hatte Recht!

Autor: Der Platzwart
Lübeck verdient die 2. Liga nicht...

...sagte er vor geraumer Zeit. Da kann man mal sehen: dieser alte selbstgerechte Sack scheint doch in der Tat beim VfB der einzige (gewesen) zu sein, der mit einigermaßen Weitblick ausgestattet ist. Wie konnte es also so weit kommen? Wollen doch mal sehen...

Handeln wir aber kurz das sportliche ab, weil das ehrenhalber einfach sein muss: was Uwe Fuchs und seine Jungspunde da die letzten Wochen abliefern, ist in der Tat aller Ehren wert! Sind nix, können nix und machen trotzdem was draus - eine solche Einstellung und Herangehensweise bei der einen oder anderen VfB-Truppe in den vergangenen Spielzeiten und ich müsste jetzt nicht über den Absturz in die Bedeutungslosigkeit schreiben. Wenn man mit einer solchen Rumpfmannschaft diversen Aufstiegsaspiranten die für uns völlig unbrauchbaren Punkte wegschnappt, dann trotzt einem das einfach allerhöchsten Respekt ab - vielen Dank!

Dass unsere zweite übrigens immer noch besser ist, als die erste aus der hässlichen Stadt soll und darf selbstverständlich nicht unerwähnt bleiben, Yippieyayeah, Schweinebacke!

Kommen wir jetzt zum Unappetitlichen: ungeachtet des Ausgangs unseres auf lange Sicht letzten Regionalligaspiels bei Rot Weiß kannste vergEssen bleibt festzuhalten, dass die abgelaufene Spielzeit auf jeden Fall die sein wird, die jedem Anhänger mit grün-weißer Bettwäsche am ehesten einfällt, wenn er oder sie im Lebensabend am Kaminfeuer sitzt und über am eigenen Leib erlittene Katastrophen sinniert.

Kinners, was haben wir nicht alles schon mitgemacht und was habe ich nicht schon hinlänglich über furchtbare Spielzeiten geschrieben, aber SO einen Scheiß? Ich kann mich nicht erinnern. Abstiege, Fehleinkäufe, unseriöse WiRaVos, dubiose Machen- und Seilschaften, miese Jugendkonzepte, störrische Geschäftsführer, Fan-Verarschung, PR-Leute die keine sind, fehlende Zukunftsvisionen - herrjeh!

Und nun die Saison 2007/2008: mehr KANN man gar nicht falsch machen! Es wurde gelogen, dass sich die Balken der alten Holztribüne sogar jetzt noch biegen. Es wollten sich Leute profilieren, von denen sogar ihre eigenen Kinder wissen, dass sie Wichtigtuer sind. Es wurde alles aber sowas von komplett an die Wand gefahren, dass es buchstäblich jeglicher Beschreibung spottet.

Man kann diesen ganzen hirnverbrannten Unfug gar nicht mehr aufzählen - aber mal ehrlich: wollen wir das überhaupt? Wollen wir wirklich lesen, dass man uns immer noch weismachen will, dass entscheidende Personen von einer drohenden Pleite "nichts gewusst" haben wollen? Oder dass trotz (im nachhinein blinder) rückhaltloser Unterstützung der Fans kein einziger Vorschlag zur Rettung sinnvoll in die Tat umgesetzt wurde? Oder dass "Retterspiele" leider so überhaupt nicht den gewünschten Erfolg brachten, weil sogar direkt in Lübeck kaum ein Schwein ob deren Existenz wusste? Oder dass der Präsident mitten in der heißen Phase seinen "wohlverdienten" Urlaub in Anspruch nimmt? Wollen wir das wirklich lesen? Und noch viel mehr? Nein, um all das niederzuschreiben, bedarf es eines Chronisten, nicht eines Platzwarts - denn WIR sind nur zum meckern hier! (Melodie: "Go West - Village People, 1979) Hat mal einer 'ne Valium zum beruhigen? Danke!

Und warum hat Molle nun irgendwiemasagn Recht? Weil es, und das habe ich schon mal dezidiert erläutert, in und um Lübeck mehr FC Bayern- als VfB Lübeck-Fans gibt. Punkt. Will das irgend jemand bestreiten? Wohl kaum, daher fahre ich mit meinen Ausführungen fort: trotz leidlicher Erfolge in der jüngeren Vergangenheit hat es der VfB Lübeck nicht geschafft, an die einstige Akzeptanz in der Bevölkerung anzuknüpfen wie in den 50er und 60er Jahren. Die Gründe hierfür sind mannigfaltigster Natur.

Ein hauptsächlicher Auslöser für das Dilemma ist blöderweise der Mann, der als einziger ansatzweise Ahnung von dem ganzen Zirkus zu haben scheint: Günter Schütt. So dufte es ist, dass uns seine Spendierhosen jahrelang haben oben schwimmen lassen, so frappierend ist es aber auch, dass uns momentan genau dieser Monopolismus auf den Grund und in den Schlick zieht: kaum ein namhaftes Unternehmen hat zurzeit Lust, als Sponsor oder Gönner auf das sinkende VfB-Schiff zu springen, da jahrelang durch unseren eigensinnigen Mäzen und seinen katzbuckelnden Geschäftsführer eben solche Potentaten vergrault wurden.

Erschreckend ist, dass kein einziger beim VfB aus Fehlern lernt oder lernen will. Es wird weiterhin tagein und tagaus mit derselben Scheuklappen- und "das wird schon irgendwie"-Mentalität die Arbeitszeit auf der Geschäftsstelle rumgebracht und so getan, als sei man ein großer Traditionsclub mit dörflichen Strukturen und einer großen Fanschar. Dabei handelt es sich aber leider eher um einen Club mit dörflicher Fanschar und traditionell großen Strukturproblemen. Einmal Sonnenkönig, immer Sonnenkönig könnte man da sagen. "Wenn das Volk kein Brot hat, soll es doch Kuchen essen" - ein Zitat von Marie Antoinette, das die Vorgehensweise der Verantwortlichen leider nur zu deutlich widerspiegelt und auch überhaupt nicht witzig ist.

Hinzu kommt die bereits erwähnte Bocklosigkeit der Region auf den VfB. Wie schon beschrieben, hat der Verein zu großen Teilen selbst dazu beigetragen, dass nicht jeder Lübecker Knirps mit einem VfB-Schal zur Schule geht, wie es beispielsweise, um vergleichbare Städte zu nennen, in Osnabrück oder Braunschweig der Fall ist. Der Verein ist aber nicht alleine Schuld daran, denn wer aus Lübeck stammt weiß, dass wir ein recht eigenes Völkchen sind. Vorbehaltlose Hingabe ist nicht unbedingt des Hanseaten Sache. Ich bin durchaus der Meinung, dass es in Hamburg oder Bremen nicht großartig anders aussähe, wäre da nicht der seit den 70ern anhaltende sportliche Erfolg, denn eine vergleichbare Historie wie beim HIV oder den Pokalschummlern würde nicht zu den derzeitigen Auswüchsen der Misere wie beim VfB führen.

Ebenfalls muss man, und das tue ich nun auch schon seit Jahren, die lokale Presse als Verursacher eines nicht gerade kleinen Lecks unseres VfB-Schiffs nennen. Über Dekaden hinweg keine oder schlechte oder falsche Berichterstattung über DAS sportliche Aushängeschild der Stadt - wer soll das verkraften? Keine Konkurrenz belebt nicht nur nicht das Geschäft, das verblendet. Wozu Verblendung und fehlende Kritik führen, bekommen wir momentan wunderbar beim VfB dargestellt.

Muss man in diesem Zusammenhang eigentlich ob der oben geschilderten Umstände die umso mehr geforderte "PR"-Abteilung des VfB erwähnen? Ich glaube schon. Was diese Schwachmaten da den lieben langen Tag verzapft haben - oder eben nicht - können sie einem wahrscheinlich nicht einmal selbst erklären. Eine Öffentlichkeitsarbeit und/oder positive Außendarstellung hat beim VfB de facto nie stattgefunden, Geld hat sie aber trotzdem gekostet, schade drum.

"Lübeck verdient die 2. Liga nicht" sagte Molle also einst. Er meinte das zwar in einem anderen Sachverhalt, aber Recht hat er mit dieser Aussage voll und ganz. Das absolut blöde dabei ist, dass hauptsächlich er die Schuld daran trägt, das dies so ist. Hätte, wenn und aber und Bachmann, Turner, Overdrive gibt's aber nun mal nicht beim Fußball, daher wäre es an dieser Stelle überaus müßig, über vergossenen Wein zu grübeln.

Na klar könnte man jetzt sagen "jaa, hinterher draufhauen kann ja nun auch jeder". Das kann man aber nur dann sagen, wenn man wie die meisten Lübecker keine Ahnung vom VfB hat oder beim VfB in verantwortlicher Position sitzt, was sich teilweise nicht ausschließt - nun ja. Einschlägig bekannte Conaisseure der Materie hingegen bemängeln bereits seit langem die von mir geschilderten Faktoren oder wissen darum. Das aktuelle Gekrampfe kommt also keineswegs so plötzlich, wie es uns vorgegaukelt wird.

Geradezu schrecklich ist die Tatsache, dass es jetzt von eben diesen Vollpfosten abhängt, wie laut es knallt, wenn die Karre dann endgültig gegen die Wand fährt. Man kann aber auch garnichts tun, außer da zu sitzen, Nägel zu kauen und nervös im 10 Sekunden-Takt die "F5"-Taste der bevorzugten Informationsseite im weltweit gewebten zu drücken.

Es ist todtraurig und es reißt einem das Herz heraus. Man hat als VfB-Fan ja nun wirklich nicht allzuviel zu lachen, aber mit diesem Kapitel im grün-weißen Buch kommt es einem so vor, als hätte man es nie gelesen oder den Mittelteil, wo alles erklärt wird, komplett nicht verstanden: totale Leere, aber trotzdem Wut und Verzweiflung und - und das ist das eminent allerallerwichtigste: Hoffnung. Dieses Wort, dass jeden aufrechten Fußballfan wie ein unsichtbarer Kleber zusammenhält. Hoffnung auf das, was da kommen wird, auf bessere, gute Zeiten.

Wir wollen und wir werden irgendwann wieder Spiele erleben, in denen eine verunglückte Bogenlampe kurz vor Schluss den Aufstieg in die Regionalliga bedeutet, eine Krimskrams-Verschwörung während der Busfahrt das Pokalhalbfinale sichert, in denen die Löwen rausgelassen werden, in denen Romas beim 9er bleibt, in denen durch zehntausend Mitgereiste ein Auswärts- zu einem Heimspiel gemacht wird, in denen ein Kofferadio am Ohr einfach notwendig ist, weil die anderen verlieren müssen, in denen niemand einen Gedanken an eine mögliche Insolvenz verschwendet - irgendwann, verdammte, verdammte Scheiße, irgendwann...

Diese Hoffnung ist wichtig, dieser Gedanke, denn man hat ja nur eins in seinem Fußball-Leben, und das ist natürlich

NUR DER VfB!

In diesem Sinne:

der Platzwart

Mehr in dieser Kategorie:
« Amateure? Ein Fazit? »

Gib deinen Senf dazu!

Und wehe: keine Pöbeleien unter der Gürtellinie und keine politisch extremen Äußerungen hier!

100 Jahre VfB

Frischer Senf

Beliebteste Beiträge