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Montag, 05 Mai 2008 17:35

der 12. Mann

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Typen hinterm Tor

der Seher

Ihm kann man nichts vormachen. Er kennt alle Bundesliga-Spieler seit 1963, das Torverhältnis vom VfB Lübeck im Jahre 1970, die Ehrenspielführer der Nationalelf und natürlich die Rasensorte auf dem Betzenberg in Kaiserslautern.
Und deshalb weiß er auch alles vorher: "der geht rein", verkündet er mit Expertenstimme den anderen Fans auf der Tribüne, als sich der Linksaußen des Gegners den Ball zurechtlegt. 20 Meter vor dem Tor, gefährliche Situation. Doch der Ball geht drüber, voll in die Pappeln. "war klar!", sagt er laut.
Dann gibt es Elfmeter für die Heimmannschaft. "Den verschießt er", sagt der Seher. Der Torwart springt nach rechts, der Ball schlägt links ein. "War klar!", sagt er wieder.
10 Minuten vor dem Abpfiff verlässt er den Block, um nicht in den Stau zu geraten. Zum Abschied grüßt er noch einmal in die Runde, aber keiner grüßt zurück - war klar!

die Gang

Vor dem Spiel stehen sie am Eingang zum A-Block. Sie heißen Rotzer, Sixpack, Pomo und Ficki. Alles reizende Zeitgenossen, außer man trifft sie einzeln oder in der Gruppe.
Jeder Fan, der kleiner ist oder eine Brille trägt, bekommt einen Klaps auf den Hinterkopf. Einer muss seinen Fanschal abgeben, obwohl er ihn gerade neu hat - jetzt hat Pomo ihn neu.
Unter der Woche trifft man Rotzer und Sixpack vor dem Jugendgericht, im Publikum bei "Vera am Mittag" und als Rausschmeißer in der Spielothek. Ficki macht als einziger eine Lehre beim örtlichen Bordellbetreiber.
In der Halbzeit holt Pomo dann Bier für alle. Weil es im Block eng ist, schubst er die Umstehenden. Pech, dass einer von denen Nahkampfexperte ist, zehn Jahre Bundeswehr und jede Menge asiatische Gürtel. Jetzt hat Pomo Angst. Und der Nahkampfexperte einen neuen Schal.

der Logenbesucher

Er sitzt bequem, im gepolsterten Sessel mit Armlehnen und freundlichen Servierdamen. Noch einen Prosecco? Aber sehr gerne, die schmecken fabelhaft zu den Lachshäppchen.
Dabei hasst er Fussball eigentlich, diesen dämlichen Proletensport. Aber der Chef geht da immer hin und der Hundesohn Schneider aus dem Controlling auch, da heißt es am Ball bleiben, wenn es mit der Abteilungsleitung was werden soll.
Von Fußball hat er keine Ahnung. Warum laufen jetzt alle in eine Richtung? Und was soll der Mann in schwarz? Plötzlich jubelt der Chef - vorsichtshalber einfach auch jubeln - aber wie peinlich, der Chef hat sich gar nicht gefreut, sondern derbe geflucht und schaut jetzt böse herüber. Neben ihm sitzt Schneider aus dem Controlling, grinst hämisch und bestellt noch einen Prosecco für den Chef.

die Legende

Alle kennen ihn. Er war schon immer da und seine Taten sind Legende.
Er hat einem Linienrichter die Fahne gestohlen. Er hat mit einer Beamtin des Bundesgrenzschutzes auf dem Bahnsteig Walzer getanzt. Er ist zum Auswärtsspiel über 300 Kilometer mit dem Taxi gefahren. Er hat einem Motorradpolizisten den Helm geklaut. Er hat nach dem Auswärtsspiel in München die Kapelle im Hofbräuhaus dirigiert. Er hat schon mal eine Wespe gegessen. Er hat in einer Autobahnraststätte eine Porzellankuh aus dem Schaufenster entwendet. Er kann sich übergeben und gleichzeitig Bier trinken.
Er ist eine Legende. Wie er mit Vornamen heißt, weiß keiner.

der Intellektuelle

Er geht nur hin und wieder zum Fußball. Nie würde er einen Schal tragen oder gar eine Fahne schwenken, denn die Masse widert ihn an. Der Intellektuelle ist wegen des Fusßalls hier. Der Bessere möge gewinnen, sagt er, und schiebt seine Brille hoch. Ist schließlich nur ein Spiel, wer wird sich da künstlich aufregen? Er jedenfalls nicht. Aber gerade eben, bei aller Fairness, das war doch ein Foul, ein glasklares Foul sogar! Und der Schiedsrichter pfeift nicht, ist doch nicht zu fassen, diese blinde Sau! Ist wohl bestochen - aber natürlich ist der bestochen - los rauf auf den Zaun, wie die anderen. Und jetzt alle: "Schieber, Schieber!" Erst nach 5 Minuten klettert er wieder runter vom Zaun - ist doch wahr...
Abends trifft er sich dann mit seiner Lesegruppe. Kafkas Briefe, spannendes Thema. Ludger, Svenja und Iris sind schon da und schauen so komisch. Dann sagt Svenja tonlos: "Du bist heute beim Fußball gesehen worden" und wiederholt es noch einmal: "beim Fußball!".
Er wird bleich. In der Lesegruppe kann er nicht bleiben, soviel ist klar. An der Tür drückt ihm Ludger noch einmal wortlos die Hand.

der Schamane

An Spieltagen klingelt schon früh um sieben sein Wecker. Im Badezimmer murmelt er vor dem Spiegel beschwörend den Wortlaut vom N3-Kommentar des Aufstiegsspiels in Wilhelmshaven. Dann geht er in sein Zimmer und steckt Nadeln in ein Stoffpüppchen, auf dass der gegnerische Mittelstürmer urplötzlich unerklärliche Schmerzen im Standbein hat.
Um halb drei geht er zur Lohmühle, immer auf der linken Straßenseite, das brachte beim letzten Heimspiel Glück. Und in der Pause bringt er dem Fussballgott ein Bratwurstopfer mit Senf. Es wirkt vortrefflich, der VfB gewinnt am Ende.
Er geht nach Hause und verkündet seiner Freundin: "wir haben gewonnen!" Die lächelt süffisant und sagt: "wieso wir? Hast Du mitgespielt?" Er holt wieder das Stoffpüppchen vom Vormittag hervor und die dicken Stopfnadeln. In dieser Nacht wird die Freundin schlecht schlafen...

die treue Seele

Er hat seinem Club schon alles verziehen.
Dass sie für sauviel Geld diesen einbeinigen schwedischen Mittelstürmer verpflichtet haben. Das sie einen Manager eingestellt haben, der bereits wegen Anlagebetrugs steckbrieflich gesucht wurde. Und dass sie jetzt schon wieder abgestiegen sind. Alles halb so wild.
Aber dann war da dieser Sonntag im November. Er war mitgefahren zum Auswärtsspiel in der Regionalliga gegen den VfL Osnabrück. Seine Mannschaft hatte schlecht gespielt und zur Halbzeit hatte es angefangen wie aus Kübeln zu regnen. Dann waren auch noch die Bratwurst alle und das Bier so alkoholfrei wie die Wurst. Er fror erbärmlich. Schlusspfiff, das Spiel verloren, bloß schnell zum Parkplatz. Doch dann sprang sein Auto nicht an. Ein Hooligan mit höchstens 3 Zähnen und gekonnt selbst gestochenem Tattoo "Alles Schlampen außer Mutti" gab ihm Starthilfe.
"Nie wieder!", schwor er sich grimmig auf der immer länger werdenden Heimfahrt - und er hat es eisern durchgehalten - bis zum nächsten Samstag.

Gib deinen Senf dazu!

Und wehe: keine Pöbeleien unter der Gürtellinie und keine politisch extremen Äußerungen hier!

 

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